Yom Kippur 5780

Aus gegebenem Anlaß. Wenngleich es niemandem hilft, keinen Trost spendet. Nicht in Halle, nicht in Rojava, nirgendwo. Und dennoch:

On Yom Kippur (the Day of Atonement), 1st October 1941, aktions took place in both [Vilna] ghettos. At noon, when the synagogues were full, Germans and Lithuanians under the command of the SS Officer Schweinberger entered Ghetto II, rounded up approximately 1,700 Jews and deported them to Lukiszki [prison]. In the afternoon Schweinberger turned to the Judenrat of Ghetto I and demanded 1,000 Jews by 7:30 that evening. When the Jews were not delivered to them, the Germans and Lithuanians entered the ghetto and began taking people from their homes. Schein holders and their families presented themselves at the gate with a sense that they were protected from deportation. The majority of those who did not have scheins hid. 2,200 people presented themselves at the gate and were taken to Lukiszki, among them schein holders. According to various sources up to 800 people were freed from Lukiszki by the German units and institutions that employed them. There were also Jews who were freed in exchange for bribes paid to the Germans and Lithuanians. The Yom Kippur Aktion increased the fear and uncertainty in the ghetto. It became clear that the »golden« schein did not buy safety for its holder.

[source]

Der Dichter Avrom Sutzkever beschreibt es in seinem Vilnaer-Ghetto-Bericht so:

Inzwischen erfuhr ich, daß der ganze Hof, wo meine Mutter gewohnt hatte, in das zweite Getto hinübergeworfen worden war. Ich beschloß, dort hineinzukommen und die Mutter herzuholen. Es war am Vorabend von Yom Kippur 1941. Ich ging mit einer Kolonne zur Arbeit in die Stadt und kehrte mit einer anderen Kolonne zurück, die im zweiten Getto übernachten würde.

Ich fand meine Mutter. Sie bereitete sich auf den Feiertag vor. Sie trug ein dunkles Kleid, das ich bis dahin noch nie bemerkt hatte. Von dem dunklen Kleid hob sich ihr grauer Kopf ab. Auch dieses Grau hatte ich zuvor nie bemerkt. Die Haare blendeten mich, sie leuchteten wie eine Krone.

Meine Mutter wollte nicht mit mir zurückgehen. Sie hatte schon keine Kraft mehr. Außerdem ist gleich Feiertag. Sie bereitet sich auf das Kol Nidre vor. Mir riet sie zurückzugehen. Dort, meinte sie, wäre es weiterhin sicherer. Hier bei ihr wären doch meistens Alte und Kinder. Sie zündete ein Licht an, segnete mich und ging zum Kol Nidre.

Ich lief hinaus durch die Gassen. Juden mit weißen Gewändern unter den Armen eilten in die Bethäuser. In allen Fenstern flämmelten Lichte. Vor allem der Synagogenhof war überfüllt. Man eilte in das chassidische Haus, in die große Synagoge und vor allem in Gaons Bethaus, als wäre es dort sicherer, daß die Gebete Gehör fänden.

Aus einem der Höfe hörte ich einen Gesang. Es erklangen jiddische Worte. Ich ging den Tönen nach. Sie führten mich die Treppe hinauf.

In einem langen, schmalen, fensterlosen Zimmerchen saß der Lehrer Gershteyn in einem Kreis von Kindern und sang mit ihnen das Lied des Dichters Perets: »Hoffe! Der Frühling ist nicht fern«. Gershteyn beendete den Gesang und umarmte mich herzlich. »Ihr seid hier?« »Ich bin gekommen, um Eurern Chor zu hören«, antwortete ich. Ich blickte auf seine Sänger, und meine Augen wurden naß. Er nahm die Kinder näher zusammen, stellte sie nach ihren Stimmlagen auf, und durch den Dachboden, über das Getto hin, über die ganze Welt erklang:

un zol vi vayt
nokh zayn di tsayt
fun libe un fun sholem, —
dokh kumen vet
tsi fri, tsi shpet
di tsayt, es iz keyn kholem.

Ganz gleich wie fern die Zeit der Liebe und des Friedens auch sei — sie wird kommen, früher oder später, sie ist nicht nur ein Traum.

Als ich mich aus dem zweiten Getto hinausgestohlen hatte, kam Schweinberger mit der hiesigen Ypatinga dorthin und begann seine Arbeit. Diesmal hatte er sich wieder etwas Neues ausgedacht. Er ging bei der Metzelei mit System vor: Einen Hof nahm er, den anderen ließ er aus. Doch es waren ihm zu wenig Menschen. Er kam, um eine bestimmte Zahl von Köpfen zu holen, und die Zahl mußte erfüllt werden, kein einziger mehr oder weniger. Schweinberger ging in die Bethäuser und führte die Juden in den weißen Gewändern und Gebetsmänteln zum Tod.

Er brachte Mandolinen und befahl zu spielen. Als Moyshe Frumkin, ein Bursche von 18 Jahren, ins Gefängnis gebracht wurde, stieß er einen Schrei aus:

»Laßt euch nicht wegführen! Lauft auseinander, lauft in die Straßen!« In der Menge entstand ein Tumult. Frauen warfen sich auf das Straßenpflaster und gingen nicht mehr weiter. Greise blieben versteinert stehen. Jugendliche liefen nach allen Seiten auseinander.

Schweinberger befahl zu schießen. Dutzende lagen tot, und die Lebenden mußten die Toten tragen. Trotzdem hatten beachtlich viele fliehen können, darunter auch der junge Frumkin.

Die endgültige Liquidierung des zweiten Gettos erfolgte am 28. November 1941.

nach: Abraham Sutzkever, Wilner Getto 1941 — 1944, Zürich 2009, S. 62ff. (hier mit kleinen Veränderungen der Übersetzung von Hubert Witt)

די צײַט — ניט קײן חלום — אַ קאָשמאַר

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